00:00:08:
00:00:17: Moin an den Empfangsgeräten, herzlich willkommen zu HIKOPOD.
00:00:20: Mein Name ist Janis Bergmann und ich begrüße Sie ganz herzlich zu einer neuen Folge unseres Podcastes.
00:00:25: Sprache prägt eine Gesellschaft sie ermöglicht Kommunikation schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl und formt Identitäten.
00:00:33: sie kann aber ebenso als staatliches Mittel für Kontrolle und Herrschaft eingesetzt werden.
00:00:37: Im achtzehn-Jahrhundert verfolgten Preußen sowie die Harzburger Monarchie mehr oder weniger rigide Sprachpolitiken, in denen von ihnen nach den sogenannten dreipolnischen Teilungen neu annektierten Territorium des ehemaligen Polens.
00:00:50: In den Diskursen über Sprachvermittlung und die Ausgestaltung des Schulwesens zeigen sich oftmals Absichten einer Nationaleziehung – sie lassen aber auch die zugrunde liegenden geistigen Strömungen sowie Unterschiede in den lokalen Gegebenheiten durchscheinen.
00:01:04: Zu diesem Thema spreche ich heute mit Benedikt Stimmer Der im Rahmen seiner Promotion, die Sprachen- und Schulpolitik der Habsburger Monarchie sowie Preußens in den polnischen Teilungsgebieten im achtzehn Jahrhundert erforscht hat.
00:01:15: Er zuvor Geschichte und deutsche Philologie in Wien und in Warschau studiert und ist seit zweitausendundzwanzig als Universitätsassistent im Rahmen der Vienna Doctoral School of Historical and Cultural Studies am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien
00:01:30: tätig.
00:01:30: Für sein Dissertationsprojekt wurde er zudem mit dem HIKO-I nachwuchspreis zwanzigfünfundzwanziger ausgezeichnet.
00:01:36: Also herzlichen Glückwunsch nochmal, BND.
00:01:39: Vielen Dank für die Einladung und das freut mich sehr heute hier zu sagen.
00:01:42: Dann will ich direkt mal zur Anfang die Frage stellen,
00:01:45: wieso beschäftigst
00:01:46: du dich überhaupt damit?
00:01:48: Wie bist du auf das Thema gestoßen?
00:01:50: Ich würde sagen am Anfang stammt so eine grundlegende Affinität für diese Regierungen – also für Ost-, Mittel- oder Zentraleuropa.
00:01:59: Über mein Germanistikstudium habe ich dann natürlich immer auch seine Sensibilität für das Thema Sprache mitbekommen und das mit der geschichtswissenschaftlichen Betrachtungsweise verknüpft.
00:02:09: Und tatsächlich habe ich mich dann in meiner Geschichte-Masterarbeit mit dem Habsburgischen Galizien auseinandergesetzt, in einer teresianisch-josefinischen Zeit und bin in diesem Kontext auch erstmals eigentlich mit dem Schulwesen in Berührung gekommen.
00:02:24: Hier hat sich schon relativ früh die Frage aufgedrängt wie gewisse Dinge eben in den anderen Teilungsgebieten, vor allem im preußischen Teil gehandhabt wurden.
00:02:35: Und diese Frage nach so einer größeren vergleichenden Perspektive habe ich dann zum Anstoß genommen das Ganze eben zu einem Dissertationsprojekt zu
00:02:43: erweitern.".
00:02:44: Am Ende des achtzehn Jahrhunderts wurde ja Poln-Nittauen zwischen Russland, Preußen und der Habsburger Monarchie aufgeteilt.
00:02:52: Siebzwundfneunzig verschwanzt ein endgültig als eigenständiger Staat von der Landkarte.
00:02:57: Zunächst mal allgemein die Frage Welche Auswirkungen und Herausforderungen brachte denn dieser territoriale Zuwachs für Preußen- und Österreich mit sich?
00:03:07: Grundsätzlich muss man wahrscheinlich mal sagen, dass diese drei Teilungen Polens von siebzehn zweiundsiebzig und dann nochmal siebzen dreieunneinzig und siebzinfünfeinneinzig tatsächlich bis dato in der europäischen Geschichte eigentlich ziemlich precedenzlos gewesen sind.
00:03:19: Also hier verschwindet ein riesiges früh neuzeitliches Staatsgebilde innerhalb vom zwanzigdreißig Jahren eigentlich von der politischen Landkarte Nur damit man sich das vorstellen kann, also wir reden hier von einem Gebiet insgesamt in der Größenordnung von mehr als siebenhunderttausend Quadratkilometern und mit um achtzehnhundert wohl etwa vierzehn Millionen Einwohnern.
00:03:41: Davon rund die Hälfte im russländischen Teilungsgebiet und die andere Hälfe hat sich aufgeteilt eben auf das preußische und das österreichische Teilungsgebiet.
00:03:48: Und man kann sich natürlich vorstellen dass die integrativen Herausforderungen, die damit verbunden waren enorm gewesen sind Für Preußen wahrscheinlich noch mal größer als für die Habsburger Monarchie, weil Preußen insgesamt einfach der kleinere Staat gewesen ist.
00:04:02: Und tatsächlich sehen wir – wenn wir auf diese drei Teilungsgebiete oder die Drei-Teilungsmächter blicken – dieses sogenannten drei schwarzen Adler einen sehr unterschiedlichen Umgang mit diesen Gebieten.
00:04:12: Also im russländischen Reich können die noch bis Achtzehn-, Dreißig-, Einundreißig eine relativ große Autonomie waren und in Preußen und Österreich ist das anders.
00:04:20: Hier sehen wir jeweils eben den Versuch dieser Provinzen doch recht rasch und im Rahmen so einer Tour de Force an die Strukturen in den alten Provinzen anzupassen, womit diese Gebiete auch in einen innerharpsburgischen und innerpräussischen Staatsbildungsprozess gewissermaßen hineingezogen werden.
00:04:36: Die Herausforderungen waren natürlich evident vor allem im personellen Bereich.
00:04:42: also man kann sich vorstellen wenn das eigene Staatsgebiet sich quasi über Nacht so stark erweitert dass die nötigen Verwaltungsbeamten dieser Zahl schlicht gar nicht zur Verfügung stehen.
00:04:53: Zudem musste man natürlich gerade, weil das ja auch in die Zeit der napoleonischen Kriege dann fällig in den siebzehnneunziger Jahren ständig Aufstände fürchten.
00:05:01: Also es gab so eine latente Furcht vor Insurrection wie man das damals genannt hat und deswegen mussten ständig auch Garnisonstruppen eine relativ große Zahl abgestellt werden um diese Gebiete sozusagen zu sichern.
00:05:14: Und für mich war jetzt diese Ähnliche politische Stoßrichtung, die wir sehen eben in Österreich und in Preußen.
00:05:20: Nämlich dieser Versuch einer raschen Integration dieser Gebiete in die jeweiligen Staatsverbände eigentlich dann der Ausgangspunkt für die vergleichende Analyse.
00:05:28: weil ich mich so ein bisschen gefragt habe gut Österreich und Preußen werden oft im Gleichklang behandelt aber was steckt denn unter der Oberfläche?
00:05:35: also welche Unterschiede sind dann im Detail vielleicht auch vorhanden?
00:05:39: Ja die besondere Herausforderung war ja auch dass es wirklich so schnell ging.
00:05:42: Also es zog sich nicht über Jahrhunderte hin.
00:05:46: Die drei Teilungen waren sehr schnell hintereinander.
00:05:48: Dementsprechend hatte eigentlich weder die Teilungsmächte noch das geteilte Land wirklich Zeit, sich anzupassen.
00:05:55: Wie war denn nach den Teilungen dann das Verhältnis zwischen der polnischen Bevölkerung und dem neuen Landesherren?
00:06:01: Weil die ja sozusagen über Nacht da waren... Welche Ansichten herrschten da über die anderen Teile der Gesellschaft?
00:06:08: Denn natürlich waren Preußen und Österreich auch vorher schon vorhanden.
00:06:11: Und eben als Nachbarn, nicht als Landesherren haben sie ja sicherlich auch schon Urteile gebildet.
00:06:16: Genau also wenn man auf das späte achtzende Jahrhundert blickt dann stellt sich die Gesellschaft natürlich anders dar als wir das heute kennen so im einundzwanzigsten Jahrhundert.
00:06:25: Das Historiker stellt man sich.
00:06:26: dann muss man sich natürlich die Frage stellen für welche teile der Bevölkerung dieser Herrschaftswechsel überhaupt spürbar gewesen ist.
00:06:32: Tatsächlich war es so, dass gerade in der polnischen Forschung für lange Zeit eigentlich so das Narrativ einer modern begriffenen Fremdherrschaft vorherrschend war.
00:06:42: Also eine Fremderherschaft die von der Polnischen Bevölkerung aus seinem patriotisch-nationalen Impetus heraus pauschal abgelehnt wurde.
00:06:49: Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Situation doch ein Stück weit ambivalenter gewesen ist.
00:06:55: also gerade der polnnische Adel versucht doch sich mit den neuen Staatsmächten zu arrangieren.
00:07:01: Und leitend ist ja immer auch der Versuch, eben die eigene privilegierte soziale Stellung zu erhalten und sozusagen hinüber zu retten in die neue Herrschaft etwa über Karrieren im Militärdienst.
00:07:12: Bei der ländlichen Bevölkerung sieht das Ganze natürlich schon ein bisschen anders aus.
00:07:15: Die kann teilweise von diesen Herrschaftswechseln profitieren.
00:07:20: Also gerade im josephinischen Galizien sehen wir so Ansätze einer Bauernbefreiung.
00:07:24: Insgesamt kann man aber sagen, gerade wenn man sich dann mit dem Schulwesen auseinandersetzt dass für den Großteil der Landbevölkerung diese Herrschaftswechsel wahrscheinlich gar nicht so spürbar waren wie man sich das heute vielleicht intuitiv vorstellen würde.
00:07:36: Große Unterschiede sehen wir bei den diversen sprachliche religiösen Sondergruppen die Ost-, Mittel-Europa ja auch immer geprägt haben vor allem bei der jüdischen Bevölkerung.
00:07:46: Die fällt gerade in Galizien also im habsburgischen Machtbereich den Bereich dieser josephinischen Toleranzbestimmungen.
00:07:55: Also dieser Versuch einer bürgerlichen Gleichstellung der Juden, das klingt natürlich auf den ersten Blick einmal gut aber auch das ist im Rahmen so eine Tour de force Politik umgesetzt worden und hat in der Praxis zu relativ repressiven Auflagen geführt gerade auch im sprachlichen Bereich.
00:08:11: also es gab ja den Versuch die Umgangssprache der jüdischen Bevölkerung zu verdrängen und durch ein modernes Hochdeutsch zu ersetzen und Judens sind dazu verpflichtet worden deutsche Nachnamen zu führen, deutsche Sprachkenntnisse sind zur Voraussetzung gemacht worden für die Erteilung einer behördlichen Ehebewilligung etc.
00:08:30: Also wir finden hier so einen Gleichklang von einem emanzipativen Moment aber doch einer durchaus repressiven Praxis.
00:08:37: und wenn man jetzt nach den wechselseitigen Einstellungen eben der vor Ort vorhandenen Bevölkerung in den landfremden Beamten fragt muss man mit Blick auf die Beamten sicher festhalten dass es hier eine nicht unerhebliche Distanz auch gegeben hat zur Bevölkerung dieser neuen Landesteile und man kann hier durchaus auch so einen aufklärerischen Überlegenheitsstruktus ein Stück weit festmachen.
00:08:58: Das hängt damit zusammen, dass sich in der Aufklärung gerade auch maßgeblich getragen durch französische Aufklärer wie Voltaire zu einem negativen Polenbild verfestigt hat.
00:09:08: im achtzehnten Jahrhunderts also Polen ist immer mit zivilisatorischer Rückständigkeit in Verbindung gebracht worden.
00:09:15: Viele Beamte haben das auch zur Legitimation ihrer eigenen Tätigkeit natürlich ein Stück weit übernommen.
00:09:20: Also, das Verhältnis war ambivalent und durchaus nicht immer konfliktfrei.
00:09:25: Es wird ja auch in der neuen Forschung jetzt teilweise so als Kolonialismus oder es gibt Anknüpfungspunkte an die jetzige Kolonionalismusforschung gerade dieses Überlegenheitsbild wie man eben auf Polen dann herabgeschraut hat.
00:09:39: Du hast gerade schon gesagt zwischen Landbevölkerung auf der einen Seite, Eliten auf der anderen Seite.
00:09:44: Also je nach Gruppe war die Wahrnehmung auch anders?
00:09:48: Wie war es denn regional?
00:09:49: also kann man jetzt etwas platformieren sagen je weiter von der ehemaligen Grenze entferntest du weniger kam das an?
00:09:54: oder gab's irgendwelche anderen regionalen Schwerpunkte wo vielleicht noch mehr von der polnischen Identität irgendwie sich erhalten konnte?
00:10:03: Ich würde sagen wir sehen sicher ein relativ starkes Stadt-Land Gefälle also dass generell Eigentlich fast alle politischen Maßnahmen der neuen Herrschaft im urbanen Raum wahrscheinlich zunächst mal deutlich rascher wirksam gewesen sind als im ländlichen Bereich.
00:10:17: Insofern gibt es hier sicher eine sehr starke regionale Bindendifferenzierung und diese Gebiete sind ja in sich auch sehr heterogen gewesen, und kann man keineswegs über einen Kamm scheren.
00:10:28: Du beschäftigst dich ja also explizit vor allem mit der Spracherziehung oder Schulpolitik in diesen Teilungsgebieten?
00:10:34: Welche theoretischen
00:10:35: Grundlagen gab es da?
00:10:36: Also wie war sozusagen das pädagogische Verständnis damals von Schul- und Erziehung, dass ja sicherlich deutlich anders war zu dem heutigen.
00:10:45: Ja grundsätzlich kann man sagen, dass sich das Verständnissen von Erziehungen im achtzenden Jahrhundert ja ganz grundlegend ändert.
00:10:51: also das achtzehn der Hundert wird ja meistens so als pädagogisches Jahrhundertezeichnet Und das meint konkret, so eine Entdeckung der Kindheit gewissermaßen stattgefunden hat.
00:11:03: Also die Kindheit als eigenes menschliches Entwicklungsstadium, der Mensch wird zunehmend als durch Erziehung formbar begriffen.
00:11:09: das ist das was John Locke gemeint hat eben wenn er von der Tabula rasa gesprochen hat.
00:11:14: dem ist natürlich ein enormes emanzipatives Potenzial inherent also der Mensch wir durch Bildung eigentlich zu allem befähigt kann man sagen.
00:11:23: zugleich ergibt sich über so ein Menschenbild, aber natürlich auch neue Möglichkeiten einer Zurichtung der Untertanen sozusagen aus staatlicher Perspektive.
00:11:32: Und allgemein kann man sagen dass das Erziehungsverständnis des späten achtzehnten Jahrhunderts sehr stark durch so ein aufklärerisches Nützlichkeitsdenken bestimmt ist also das was man gemeinhin als Utilitarismus bezeichnet und das spiegelt sich auf unterschiedliche Art und Weise eben im damaligen Schulwesen wieder.
00:11:47: wir haben auf der einen Seite eine Erweiterung der traditionellen Unterrichtsinhalte.
00:11:53: Also es geht nicht mehr nur darum, lesen und schreiben zu lernen im Elementalschulbereich und die großen dateinischen Klassiker zu lesen in den höheren Schulen sondern in zunehmendem Maße finden auch die modernen Naturwissenschafteneingang in die korrikuler lebende Fremdsprachen und vor allem auch die eigene Muttersprache also etwa das Deutsche oder das Polnische.
00:12:13: auf der anderen Seite haben wir eben gerade im ländlichen Bereich an Dorfschulen durchaus den Fokus auf die Vermittlung von so basalen Kernkompetenzen.
00:12:22: Dass man damals das Tridium bezeichnet hat, Lesenschreiben rechnen und die Katikisierung – also eine religiöse dogmatische Grundbildung.
00:12:32: Dabei wird von den Aufklärern natürlich ständig auch die Gefahr einer Überbildung problematisiert.
00:12:39: Der Hintergrund sind hier diese wahrgenommen gesellschaftlichen Veränderungen.
00:12:42: Die ständige Gesellschaft der frühen Neuzeit ist im Fluss, wir sehen sowas zu einer Erosion der alten Sozialordnung könnte man sagen.
00:12:51: Und vor dem Hintergrund gibt es natürlich auch immer diese Überlegungen wie weit darf Aufklärung gehen?
00:12:57: Inwieweit sollte einfache Bauer sozusagen auch wirklich zum Selbstdenken und Selbstreflektieren befähigt werden?
00:13:03: Ähnliche Sorgen sehen wir in einer etwas anders akzentuierten Form auch tatsächlich im universitären Bereich.
00:13:09: also das späte achzehnte Jahrhundert ist ja die Zeit des großen frühen neunzeitlichen Universitätssterbens was vielleicht auf den ersten Blick intuitiv absurd wirkt, aber auch hier ist zunehmend von Ökonomen und von Staatspolitikern oder Staatenlenkern die Überakademisierung sozusagen problematisiert worden.
00:13:27: Und die Unteranführungszeichen Studierlust der damaligen Jugend gegeißelt wurden.
00:13:33: Das heißt, wir haben hier so eine ambivalente Situation im achtzehnten Jahrhundert.
00:13:36: Auf der einen Seite ein neues Wissen das auch in zuniemenden Maß universell gedacht wird und nicht mehr ständig spezifisch zugleich aber auch eine utilitaristisch begründete Kritik an vermeintlich unnützem Wissen, sei es jetzt ein zu großes Maß an Bildung für den einfachen Bauern oder seien es unnötige Spielereien sozusagen für Studenten die dann im Endeffekt keine Versorgung finden und dem Staat sozusagen nur zur Last liegen.
00:14:02: Und damit ja dann auch ein bisschen die Entdeckungen von Schulpolitik als Herrschaftsinstrument als Beeinflussungsmöglichkeit der Bevölkerung, die wir gleich noch sehen werden?
00:14:10: Genau!
00:14:12: Und zur Sprache, also wie wandelt sich da die Rolle der Sprache oder auch Muttersprache vor allen Dingen im VIII.
00:14:18: Jahrhundert?
00:14:20: Wie beeinflussen diese unterschiedlichen Nationalsprachen in dem Gebiet was du ja betrachtest bis heute die Forschung eigentlich noch?
00:14:28: Tatsächlich findet im XVIII.Jahrhundert so ein Prozess statt wo der Mutterssprache das ist auch ein Begriff der in dieser Zeit einfach total virulent wird eine immer elementarere Rolle bei der Wissensvermittlung zukommt.
00:14:40: Das hängt einfach mit der Aufklärung zusammen, also das Medium der Aufklärung ist die Muttersprache eben, die Volkssprache und nicht mehr das elitäre Latein.
00:14:48: Das bewegt sich im Gleichklang mit so einer Steigerung der Alphabetisierungs- oder Literalisierungsrate.
00:14:54: Und das ist ein Prozess in deutschsprachigen Raum, wenn wir jetzt auf Zentraleuropa blicken sicher am schnellsten voranschreitet im protestantischen Deutschland noch ein bisschen früher als im katholischen Deutschland und zugleich gewinnten Sprachen wie das deutsche eben damit ein immer größeres literarisches Prestige.
00:15:12: Also jeder kennt, dass aus seiner Schulzeit so mit den siebzen-siebziger Jahren beginnt was man gemeinhin so als Sturm und Rang bezeichnet also die großen deutschsprachigen Klassiker kommen auf die wir ja auch tatsächlich noch bis heute kennen.
00:15:24: Damit ergibt sich natürlich auch eine immer größere nennen wir es mal kulturelle Leistungsfähigkeit dieser Volkssprachen die im siebzehnten Jahrhundert zum Beispiel in der Form noch gar nicht gegeben war.
00:15:36: Sprachen wie das Deutsche finden auch immer mehr Einklang in administrative Domänen, also werden funktional genutzt und dadurch gesellschaftlich einfach immer präsenter und immer unnötberlicher.
00:15:46: Das ist ein Aufwertungsprozess der mit der Zeit aber alle Sprachen dieses Raumes erfasst – also zumindest alle größeren Sprachen, das Polnische, das Ungerische dann etwa auch das doch noch recht marginalisierte Tschechische.
00:15:59: Und in dieser Erhebung der Muttersprachen oder der Volkssprache zu Bildungssprachen In weiterer Folge perspektivisch dann eben zu den modernen Nationalsprachen des neunzehnten Jahrhunderts liegt natürlich immer auch so eine Gefahr von Sprachkonflikten, weil selbstverständlich jeder Versuch, den Geltungsbereich einer Sprache zu erweitern.
00:16:18: Immer auch das Verhältnis zu anderen Sprachen verändert und gewisse Sprachen oder Variitäten marginalisiert.
00:16:25: Das gilt im Besonderen zum Beispiel für die Dialekte also die vor den Aufklärern immer ganz stark abgewertet und gebrannt markt werden als kulturell eben nicht leistungsfähig genug Und ich würde sagen, dass das die Forschung bis zum heutigen Tag doch recht stark prägt.
00:16:41: Weil wir gerade in der Zeit um eighteenhundert auch das Entstehen dieser nationalsprachlich konfigurierten Wissenschaftskulturen sehen, die uns ja bis heute begleiten und gut bekannt sind.
00:16:53: Und diese allmählich zu Nationalsprachen aufgewerteten Sprachen werden ja auch selbst zum Gegenstand der Wissenschaft philologischen Disziplinen, die wir bis heute haben.
00:17:05: Also die Germanistik, die Slavistic, die Romanistik
00:17:07: etc.,
00:17:08: und das ist so eine disziplinäre Aufsplitterung oder Auftrennung, die durchaus auch für lange Zeit etwa Forschungen zu historischer Mehrsprachlichkeit stark erschwert haben weil jeder sich sozusagen immer nur mit seiner national sprachlich geprägten Kultur beschäftigt hat.
00:17:23: Insgesamt kann man also zusammenfassend sagen dass die Sprache – um es noch stärker zu konkretisieren Folgssprache um eighteenhundert eben immer sichtbarer wird und auch immer bewusster thematisiert in der medialen Öffentlichkeit aber eben auch politisch.
00:17:39: Das ist ja auch mal die große Herausforderung für den Historiker, der sich in solchen Grenzregionen bewegt.
00:17:45: entweder muss man mehrere Sprachen können oder man hat automatischen viel eingeschränkteren Blickwinkel auf seinen Forschungsfeld.
00:17:53: Kommen wir jetzt zur Bedeutung von Sprache und Schule bei der Kontrolle und Verwaltung.
00:17:58: Wir hatten es schon angeschnitten als sozusagen Herrschaftsinstrument, wie wurde das denn von den beiden Teilungsmächten Preußen und Österreich dort eingesetzt?
00:18:06: Also sowohl Schule als auch Sprache.
00:18:09: Grundsätzlich ist eben schon angeschnitten worden.
00:18:13: wird Schule in dieser Zeit als Herrschaftsinstrument begriffen?
00:18:17: Das ist nichts ganz Neues.
00:18:18: Also da sehen wir schon in der Zeit von Reformation und Gegenreformation, dass man versucht über die Schule sozusagen die eigene Bevölkerung, ich sage jetzt mal lapidarkulturell umzuprägen.
00:18:29: In diesen von mir betrachteten Gebieten geht es einerseits darum den Unteranführungszeichen kleinen Mann ein Stück weit ruhig zu halten über basale Schulbildung also vor allem über die Vermittlung eine religiösen Erziehung.
00:18:42: Das gilt ganz stark für die Schulpolitik Friedrichs des Zweiten oder für seinen Erziehungsverständnis, was wir etwa in Westpreußen sehen.
00:18:49: Und zum anderen gibt es doch recht explizite Versuche diesen neuen Bevölkerungsteilen so eine gewisse Konformität anzuerziehen.
00:18:58: also gerade im habsburgischen Galizien lassen sich doch recht deutliche Versuche beobachten das deutsche als Unterrichtssprache zu etablieren, obwohl es ja eigentlich eine komplett landfremde Sprache gewesen ist.
00:19:08: Also vor siebzehn zwei und siebzig spricht in Galizien praktisch niemand Deutsch.
00:19:11: also das ist eine Sprache die wirklich erst mit dem Eintreffen österreichischer Beamter und Offiziere sich dort zu verbreiten anfängt.
00:19:19: Sprache
00:19:20: als Herrschaftsinstrument würde ich sagen ist unterschiedlich eingesetzt worden und zunächst natürlich indirekt.
00:19:26: Diese landfrennenden Beamten bringen ihre Sprache mit.
00:19:29: Das ist eben im Fall Österreichs und Preußens das Deutsche Das deutsche Wirt zur Sprache der neuen Verwaltung, zumindest auf den höheren Verwaltungs-Ebernen.
00:19:37: Freiräume sind gerade im späten achtzehnten Jahrhundert aber natürlich immer da und immer gegeben schon alleine weil die verwaltungspolitische Durchdrengung dieser Gebiete nicht so aussieht wie wir das dann hunderte Jahre später sehen in dem späte neunzehnte Jahrhundert.
00:19:50: So gibt es etwa im preußischen Teilungsgebiet die Möglichkeit Gerichtsverhandlungen auf Polnisch oder auf Latein zu führen was einen aus heutiger Perspektive vielleicht überraschen mag.
00:20:00: Und in der Habsburger Monarchie ist die Politik, in der hinsicht viele Regierer gewesen.
00:20:04: Also hier hat man deutlich stärker versucht das Deutsche als unangefochterne Staatssprache zu verbreiten.
00:20:12: und so gesehen könnte man sagen dass über diesen stärker ausgeprägten Staatsbildungsprozess in der Hapsburger Monarchy eine deutsche Sprachempolitik dort stärker ideologisiert gewesen ist als das im Preußen tatsächlich der Fall war.
00:20:24: Genau, du hast schon sozusagen angefangen ein bisschen die Unterschiede zu benennen.
00:20:27: Dies ja sicherlich gab es zwischen Habsburger Reich und Preußen einfach auch geprägt durch ihre staatlichen Eigenheiten.
00:20:34: Gab's sonst auch Parallelen oder was waren sonst noch weitere Unterschiede?
00:20:37: Und dann aber auch im Vergleich zwischen Stadt- und Land natürlich wieder oder auch unterschiedliche Schulformen dies ja gab.
00:20:43: Ja ich würde sagen parallel finden wir vor allem sehr im Bereich der politischen Intentionalität also das dass man so ganz grob vorher hatte Mit diesen Gebieten und im schulpolitischen Bereich war das vor allem die Förderung der sogenannten Volksbildung.
00:20:59: Also, der Elementarschulbereich sollte massiv ausgebaut werden – das ist generell so eine schulpolitische Stoßrichtung derzeit, die wir eben in der Habsburger Unterholenzollern und auch hier aber auch in anderen Staaten des späten Achtzehnten Jahrhunderts beobachten können Und das geht im wahrsten Sinne des Wortes auf Kosten der Sekundarbildung, die sozusagen buchstäblich sekundär gewesen ist.
00:21:19: Und tatsächlich finden wir in der Zeit auch relativ viele Schulschließungen im gymnasialen Bereich und diese Schulschliessungen oder diese Reduktion der Anzahl der Sekondarschulen sollte teilweise auch direkt den Ausbau des Elementarschulwesens finanzieren.
00:21:34: Auch die universitäre Erziehung ist nicht gerade priorisiert worden – auch wenn man sagen muss, dass es im habsburgischen Lemberg in den Siebzenachzigerjahren eine neue Universität entsteht als eine von insgesamt nur fünf Universitäten der Habsburger Monarchie.
00:21:48: Aber insgesamt kann man sagen, dass die höhere Bildung nicht unbedingt priorisiert wurde das aber so ein allgemeines Zeitphänomen gewesen ist also wieder im Kontext dieses bereits angesprochenen Nützlichkeitsdenkens.
00:22:00: Unterschiede sehen wir vor allem in Bereich der konkreten Umsetzung.
00:22:05: In Preußen findet das ganze viel kleinräumiger statt.
00:22:09: Also seit Genössisch hat man das Schulverbesserung genannt, dort sind traditionale Strukturen noch viel bedeutsamer als in der Habsburger Monarchie.
00:22:17: auch das traditionelle Patronat also wenn etwa ein Adliger das Patronaat über eine Schule hatte und dort eigentlich mitreden durfte oder allein bestimmen dürfte wer da zum Beispiel als Lehrer angestellt wurde und im österreichischen Teilungsgebiet ist das Ganze demgegenüber viel stärker auf den Gesamtstaat bezogen.
00:22:34: Also wir haben ja dort seit den siebzehn-siebziger Jahren in der Habsburger Monarchie von Wien ausgehend die großen Schulreformen von Maria Theresia und die werden tatsächlich sehr schnell auch auf diese neuen polnischen Gebiete ausgerollt, also ungeachtet des völlig anderen historischen Gepräges dieser Gebiete werden die sozusagen gleich behandelt wie die Gebiete, die schon seit Jahrhunderten unter Herrschaft der Habspurga stehen.
00:22:56: Dadurch ergibt sich gerade in der deutlich geringeres Maß an Flexibilität, würde ich sagen.
00:23:03: Das sehen wir zum Beispiel wenn man sich die Korikula von Schulen ansieht also von Gymnasien, die sind tatsächlich monarchieeinheitlich genormt gewesen und dadurch sind natürlich vor Ort auch unterrichtssprachliche Abweichungen einfach schwieriger gewesen als das in Preußenterval war.
00:23:19: Natürlich hat das ganze Vorteil mit sich gebracht, also mit Blick auf das Personal nachdem Eigentlich kein polnisch beherrschen musste, um an einem Gymnasium in Galizien zu unterrichten.
00:23:28: Weil die Unterrichtssprachen waren zumindest auf dem Papier Deutsche und Latein konnte das Personal natürlich von überall her kommen.
00:23:34: ja also sie konnten aus Wien oder aus Prag bezogen werden die Lehrer der Nachteile ist aber natürlich eben so evident dass die Vereinbarkeit mit den tatsächlichen lokalen Lernbedürfnissen einfach nicht so gegeben ist.
00:23:47: Das ist im Preußen durchaus anders was einen vielleicht überrascht wenn man so ein traditionelles Preußenbild im Hinterkopf hat, so konnten etwa in den katholischen Gymnasien in Westpreussen um Achtzehnhundert auch Abiturprüfungen auf Polnisch abgelegt werden.
00:24:02: Das ist gar nicht groß problematisiert worden.
00:24:04: da ist dann einfach nur die deutsche Übersetzung der Ausarbeitung des Aufsatzes einfach nach Berlin geschickt worden und damit hat das Ganze dann auch gepasst.
00:24:12: Und wir sehen im preußischen Teilungsgebiet etwa in Warschau dass er um Aachzehn-Hundert für wenige Jahre preußisch ist.
00:24:18: Auch den Versuch Die polnischen Eliten so ein Stück weit einzubinden in die Schulpolitik, etwa über die Gründung des Warschau-Lyziums.
00:24:27: Und das ist durchaus etwas was wir im österreichischen Bereich in der Form nicht haben.
00:24:31: Allgemein also die Stadt Landunterschiede sind ja heute schon angesprochen worden kann man sagen dass die damalige Schulpolitik doch hauptsächlich im urbanen Raum wirksam gewesen ist.
00:24:42: Das Land also so wie das Lebensumfeld der dörflichen Bevölkerung ist noch verhältnismäßig wenig wenig erfasst worden vor allem im Ressourcen Armen Galizien, wo wir wirklich eine sehr geringe Schuldichte sehen.
00:24:53: Und gleichzeitig entfaltet sich im urbanen Raum um Aachsehnhundert aber auch so eine gewisse Dynamik.
00:24:58: Also wir sehen stark steigende Alphabetisierungsraten und ein steigerendes Interesse einfach für Bildung.
00:25:04: also Eltern haben ein Interesse daran in zunehmenden Maße ihren Kindern eine gute Schulbildung angedeihen zu lassen.
00:25:09: das ist ein Prozess der durchaus jetzt nicht an die Herrschaft der Teilungsmächte gebunden ist sondern ein gesellschaftlicher Prozess, der auch davor in polnischer Zeit schon beginnt.
00:25:17: Das sehen wir, wenn wir uns die Domäne der Medienbildung ansehen.
00:25:21: Also entstehen so ab den siebzenundachziger Jahren doch in zunehmenden Maße auch Mädchenschulen, die oft auch privat geführt wurden.
00:25:30: und gerade im großstädtischen Bereich etwa in Warschau oder in Danzig haben wir zu der Zeit schon sehr viele private Medienpensionate wo es auch stark darum geht die Medien auf das höhere Gesellschaftsleben hinzu erziehen und wo zum Beispiel Vermittlung französischer Sprachkenntnis eine große Rolle gespielt hat.
00:25:49: Und wenn diese Schulpolitik, die ja durchaus unterschiedlich war dann auf Schwierigkeiten und Konflikte gestoßen ist, wo es irgendwo Reiberein gab oder man gemerkt hat das funktioniert vielleicht nicht so wie wir uns das vorgestellt haben, wird das auch angepasst?
00:26:03: Wurde da einfach Star der Kurs verfolgt mit noch mehr Härte?
00:26:06: Oder war man dann auch flexibel und versucht irgendwie gegenzusteuern lokale Gegebenheiten noch mehr zu berücksichtigen?
00:26:13: Ich würde sagen tendenziell war die Flexibilität im präussischen Machtbereich größer als im österreichischen.
00:26:20: Insgesamt kommt das aber sehr stark auf die lokalen Verhältnisse an und in der Regel ist natürlich die Person, die unmittelbar befasst ist mit den Unterrichtssituationen nämlich vor allem die Lehrer, die haben noch die größte Flexibilitäts- oder können die größten Flexibilitäten an den Tag legen.
00:26:36: Und gerade bei den Verwaltungsbeamten in den imperialen Zentren also in Wien oder Berlin sehen wir doch eher starre politische Vorgaben.
00:26:44: Also es gab wieder so ein bisschen Bruch zwischen Vorhaben, also jemand denkt sich theoretisch etwas aus in der Amtsstube und dann die Leute, die wirklich vor Ort irgendwie wirken müssen als Lehrer mit den Gegebenheiten konfrontiert sind?
00:26:58: Genau!
00:27:01: Dann gehen wir mal von dem großen Abstrakten noch einmal ein bisschen wirklich
00:27:04: rein.
00:27:05: Wie sah denn der Sprachunterricht an den Schulen konkret aus?
00:27:08: Wie gestaltet sich der im Alltag eben abseits dieser theoretischen pädagogischen Überlegung?
00:27:14: Das ist natürlich eine sehr interessante Frage, die für das späte achtzehnteljahrhundert oft gar nicht so leicht zu beantworten.
00:27:20: Also als Historiker muss man natürlich immer mit den Quellen arbeiten, die noch vorhanden sind und gerade an so damalige Unterrichtssituationen kann man sich häufig eben nur indirekt annähern also etwa über Visitationsberichte, über Amtskorrespondenzen auch über Beschwerden und Bitschriften, die etwa von Lehrern gestellt werden.
00:27:39: Ganz selten über Memoanen.
00:27:41: aber das ist dann etwas was er eher mit Blick aufs neunzehnte erhundert haben.
00:27:44: Insgesamt kann man sagen dass es einfach eine sehr große Heterogenität gab.
00:27:49: also die konkrete Situation hat von Schule zu Schule wirklich mit unter völlig anders ausgesehen mit Blick sowohl auf die materielle Ausstattung wie auch auf die Eignung des Lehrers der Lehrperson um dessen Eigenmotivation hier etwa bestimmte Anpassungen vorzunehmen.
00:28:05: Wir haben tatsächlich gerade aus dem habsburgischen Machtbereich, aber auch aus den preußischen viele zeitgenössische Berichte etwa von Lehrern oder von Schuldirektoren.
00:28:16: Wo nach der Unterricht von zwei Sprachen also das deutsche und das polnische das vermittelt werden sollte.
00:28:21: problematisiert wurde dahingehend dass es einfach sehr zeitaufwendig war, dass man mehr Zeit gebraucht hat um die notwendigen Inhalte zu vermitteln weil man ja parallel auch immer eine Sprache eigentlich vom Grund auf mitvermitteln musste.
00:28:34: Zudem kann man sich das leicht vorstellen, dass diese Unterrichtssituationen für die Lehrer einfach sehr anstrengend und fordernd gewesen sind.
00:28:41: Gerade im Elementarschulbereich – also wir haben hier etwas aus dem österreichischen Lemberg Berichte von Lehrern, die in der Klasse stehen und dort zweihundert Kinder unterrichten müssen, die großteils polnischsprachig sind und denen dann im Idealfall auf deutsch religiöse Grundbegriffe näher bringen müssen, so Begriffe wie die Erbsünde oder so.
00:29:02: Da kann man sich natürlich aus heutiger Sicht vorstellen dass das vielleicht nicht immer so glatt gegangen ist und gleichzeitig sind die Lehrer ja auch noch denkbar schlecht bezahlt worden.
00:29:09: im späten achtzehnten Jahrhundert an höheren Schulen würde ich sagen ist die Situation dort einfacher gewesen wo einfach eine größere Flexibilität möglich war und wo das Personal besser geschult gewesen ist.
00:29:22: umgekehrt sehen wir hier gerade in Galizien Ich habe das vorher schon angesprochen den Sekundarschulbereich Insofern viele Probleme, weil es hier die Vorgabe gegeben hat eigentlich den Unterricht nur auf Deutsch und auf Latein zu führen.
00:29:35: Gleichzeitig aber der Großteil der Schülerschaft wenn man mal von den wenigen Beamten-Söhnen absehen polnischsprachig gewesen ist.
00:29:42: das führt dann dazu dass man ja das polnische in einzelnen Fällen so als Hilfssprache zulässt.
00:29:48: Aber man kann sich natürlich vorstellen dass die Kommunikation zwischen Lehrern die ja teilweise auch aus Wien oder aus Prag gekommen sind einfach kein Polnisch konnten dass diese Kommunikation einfach sehr, sehr schwierig gewesen ist und wir eine durchaus eigene soziale Dynamik hatten.
00:30:03: Und in einzelnen Fällen gibt es hier tatsächlich auch Kindheits- oder Schulerinnerungen etwa von polnischen Literaten wie dem Dichter Kazimierz Brodzinski die sich darüber beklagen oder sich dann zurück erinnern ihre Schulzeit um eighteenhundert und daran das sie eigentlich fast nichts verstanden haben in der Schule und dementsprechend auch wenig mitgenommen haben eigentlich
00:30:25: Die Lehrer, also waren ja sicherlich die Hauptpersonen der schulensparen Politik dann vor Ort.
00:30:30: Wer war denn sonst noch so die wichtigsten Träger?
00:30:32: Also irgendwie Beamte und andere?
00:30:35: Wie gab es da noch so?
00:30:36: Ich würde das tatsächlich sagen dass eben die Lehre wahrscheinlich die größte Bedeutung hatten weil sie einfach klarerweise direkt in diese auch mehrsprachigen Unterrichtssituationen involviert waren.
00:30:47: ein konstantes Problem des späten achtzenden Jahrhunderts sind eben noch diese fehlenden Möglichkeiten zur Lehrausbildung.
00:30:54: damaligen Schulverwaltungen sind sehr oft einfach darauf eingewiesen, dass es Leute gibt die eben entsprechende Kompetenzen haben und die muss man dann nehmen weil viele Alternativen gibt das nicht.
00:31:05: In Österreich haben wir damals in den, zumindest in den Provinzhauptstädten in Galizien ist das eben im Lemberg der Fall entstehen sogenannte Normalschulen, die so einen Musterschulcharakter haben und dort findet auch die Lehrerausbildung statt.
00:31:17: aber das kann man sich eher als eine Art Crashkurs vorstellen wo Lehramtskandidaten für zwei oder drei Monate so rudimentär diverse Fähigkeiten vermittelt bekommen haben und dann sozusagen auf Land losgelassen wurden, dann mussten sie selbst ihre eigene Dorfschule führen.
00:31:33: Die Bedeutung der Beamten ist aber dennoch nicht gering zu schätzen.
00:31:37: also man hat da oft so Männer im Kopf die dann in Wien oder Berlin sitzen und so hunderte Kilometer entfernt vom eigentlichen Geschehen.
00:31:44: Aber es gibt ja auch in der Provinz selbst natürlich Beamte treten durchaus auch immer wieder mit sehr viel Eigeninitiative und zu bildungspolitischen Projekten irgendwie in Erscheinung.
00:31:54: Das bekannteste Beispiel wäre wahrscheinlich die Gründung des Warschauer Lyceums im Jahr vier, achtzehn-fünf – die tatsächlich auf die Initiative der preußischen Kammerverwaltung und vor allem eines Kammerbeamten in Warschau zurückgeht.
00:32:08: Insgesamt sehen wir aber auch hier bei den Lehrern ebenso wie beim Beamten einfach dieses Grundproblem einer personellen Überlastung.
00:32:15: Häufig war es tatsächlich so, dass nur ein einzelner Beamter für die Schulagenten einer gesamten Provinz zuständig gewesen ist.
00:32:22: Also im Fall von Galizien dieses Gebiet hat um eighteenhundert rund dreieinhalb Millionen Einwohnern und Lemberger Gubernium sitzt sozusagen ein Beamter bei dem diese ganzen Schulagenden zusammenlaufen Und da kann man sich natürlich vorstellen das viele Vorhaben auch einfach nicht umgesetzt werden konnten und mit unter jahrelang liegen geblieben sind weil sich einfach zeitlich niemand damit Befassen konnte ganz abgesehen davon, dass man für viele Dinge schlichtweg kein Geld hatte.
00:32:47: Diese Schul- und deutschen Sprachpolitik, die wir angesprochen haben, ging ja nur bis in den Wiener Kongress.
00:32:54: Da wurde dann ein Großteil der präussischen und habsburgischen Anteile am ehemaligen Polen und an Russland zugeschlagen.
00:33:02: Das heißt, in diesen Gebieten fand diese Politik natürlich dann einen Ende von Seiten des Haapsburger Reichs und Präusens.
00:33:10: Aber gab es darüber hinaus trotzdem irgendwie bleibende Effekte und Spuren, die vielleicht sogar bis in den Neunzehnundachzehn also als dann Polen wieder als Staat neu erstanden ist sichtbar geblieben sind?
00:33:21: Tatsächlich wird ein Großteil Polens nach Achtzehn-Fünfzehn eben Teil des russländischen Reiches das sogenannte Kongresspoln.
00:33:28: Ein gewisser Teil des historischen Polennittern bleibt aber doch natürlich bei Preußen oder der Habsburger Monarchie.
00:33:36: Das sind vor allem die Teilungsgebiete aus der ersten Teilung von siebzehn, zweiundsiebzig.
00:33:39: Also Galizien im österreichischen Fall, Westpreußen im bräussischen Fall sowie ein Teil Großpolens, der dann als Großherzoktomposen bezeichnet wird später als Provinzprosen.
00:33:49: was wir im neunzehnten Jahrhundert dann sehen ist würde ich sagen so eine Auseinanderentwicklung des österreichischem und das bräußischen Teilungsgebiets.
00:33:58: in Galizian verliert dann tatsächlich im weiteren Verlauf des neunzenten Jahrhunderte das Deutsche hegemoniale Staatssprache immer mehr an Boden.
00:34:06: Und das kulminiert dann, mit der Entstehung Österreich-Ungarns in der sogenannten galizischen Autonomie, die auch mit sich bringt, dass wir eine polnischsprachige Verwaltung und ein polnishsprachiges Schulwesen im Endeffekt in Galizien sehen.
00:34:22: Ganz anders läuft die Entwicklung eigentlich in Preußisch-Deutschen Teil des ehemaligen Polen, wo wir eine doch immer regidere Germanisierungspolitik sehen, die dann im späten neunzehnten Jahrhundert einfach nationalistisch motiviert gewesen ist.
00:34:34: Und wenn wir uns jetzt die Situation dann nach den vergegenwärtigen, also ein polnischer Staat entsteht wieder nach dem Ersten Weltkrieg, dann führt das dazu dass nach dem Jahrzehnten natürlich diese unterschiedlichen Landesteile Polens, die teilweise seit hundertfünfzig Jahren zu anderen Staaten gehört haben einfach historisch sehr unterschiedlich geprägt sind und auch sicher mit Blick auf die Sprachkompetenzen der Bevölkerung sehr unterschiedliche gepräglich sind.
00:34:59: Und zum anderen, und das ist etwas was bis heute sicher fortwirkt, genießt Österreich tatsächlich als Teilungsmacht einen sehr viel besseren Ruf in Polen.
00:35:08: Als dass bei Preußen oder Russland der Fall ist.
00:35:12: Eben weil die Entfaltungsmöglichkeiten für die polnische Sprache und die polnnische Kultur in Galizien, in der Habsburger Monarchie im späten neunzehnten Jahrhundert dann viel besser gewesen sind, also dass eben preußisch-deutschen Teil oder im russländischen Teil der Fall war.
00:35:25: Also hier überschattet die Entwicklung, die wir dann im späten neunzehnten, frühen zwanzigsten Jahrhunderts sehen.
00:35:30: So ein Stück weit das was noch im Späten achtzehnten und vor den neunzenten Jahrhunderte passiert finde ich persönlich ganz spannend wie diese Situation dann eigentlich stark divergiert zu dem was wir noch um achtzehn hundertzehn wo die Habsburger Monarchie in sprachenpolitischer Hinsicht eigentlich die repressivere Teilungsmacht gewesen ist
00:35:47: aber das scheint ja dann quasi aus dem Gedächtnis mehr oder weniger verschwunden zu sein.
00:35:50: also da es wird dann eher des spätere Modell grob gesagt Präusen, Rigide und Habsburger eher etwas offener wird dann erinnert.
00:35:59: Genau!
00:36:00: Im russischen Teil wird da noch irgendwo... also Deutsch wird das eine Rolle?
00:36:06: Bleibt da irgendwas?
00:36:07: Übernehmen die Strukturen oder so was?
00:36:09: Einzelne Institutionen bleiben durchaus bestehen.
00:36:11: wenn wir jetzt eben auf die erste Hälfte des neunzehnten Jahrhundertes blicken dieses von mir angesprochene Varschaulizium zum Beispiel dass existiert bis achtzehn- dreißig einunddreißig und ist einfach eine wichtige polnische Bildungseinrichtungen.
00:36:22: Und dort wird auch, bis eighteen dreißig einunddreißig Deutsch unterrichtet nicht als Unterrichtssprache sondern als lebende Fremdsprache.
00:36:28: aber das Deutsche ist dort eben weiterhin wichtig.
00:36:31: Das hängt natürlich damit zusammen dass Deutsch insgesamt im neunzehnten Jahrhundert ein ersehnliches Prestigewind so als Hochsprache und Kultursprache und dadurch natürlich auch als lebene Fremdensprache in russlandischen Teil Polens sehr bedeutsam ist.
00:36:46: Insofern, würde ich sagen sind die Kontinuitäten gerade so im Kleinen durchaus vorhanden.
00:36:52: und auch institutionell sieht man zum Beispiel also es wird ja dann nach achtzehn fünfzehn in Warschau eine Universität gegründet.
00:36:59: Und das ist auch eine Entwicklung, die unmittelbar noch aus der Teilung resultiert weil im jemaligen preußischen Teilungsgebiet keine universität keine polnische universität vorhandene war.
00:37:09: Die sind entweder in Russland mit Wilner oder in Österreich mit der Universität Krakau.
00:37:14: Und hier entsteht eigentlich in der preußischen Zeit so das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Universitätsgründung.
00:37:20: Und das wird nach achtzehn, fünfzehn in Barscha dann umgesetzt und zwar teilweise auch mit Personal, dass an deutschen Universitäten in der Preußischenzeit ausgebildet wurde.
00:37:28: Insofern sind unter der Oberfläche dann auch im russlandischen Königreich Polen durchaus viele Kontinuitäten vorhanden.
00:37:37: Du hast schon ab und zu ein paar Quellen genannt.
00:37:41: Du warst ja in Archiven in Deutschland, Österreich und Polen unterwegs.
00:37:45: Beherrschte Sprachen auch?
00:37:46: Muss man bei so einer sprachübergreifenden Thematik auch?
00:37:49: Was waren denn die Hauptquellen, die du benutzt hast in deiner Arbeit?
00:37:53: Ja ich bin tatsächlich viel unterwegs gewesen also in Österreich selbstverständlich und im geheimen Staatsarchiv in Berlin aber auch in Polen, also in Warscha und in Krakow.
00:38:02: Und das Archivmaterial hat sich in meinem Fall großteils aus behördlicher Überlieferung eben zusammengesetzt Berichte, Korrespondenzen.
00:38:11: Auch Gutachten die damals angefordert wurden teilweise von Schulleitern wenn es darum ging irgendeine Situation zu beurteilen.
00:38:19: Zudem habe ich relativ viele zeitgenössische Lehrmaterialien in die Analyse mit einbezogen und auch weitere gedruckte Quellen weil sich das Thema einfach möglichst breit perspektivieren wollte also zum Beispiel auch Reiseberichte haben für mich etwa eine Rolle gespielt.
00:38:33: Ich hab tatsächlich ursprünglich vorgehabt auch nach Lemberg nach Lviv zu fahren und die dortigen Bestände eben einzusehen, aber da ist tatsächlich der russische Angriffskrieg seit Jahrzehntzweiundzwanzig dann dazwischen gekommen.
00:38:45: Und das ist etwas was ich nicht umsetzen konnte.
00:38:47: leider hatte am Ende des Tages aber ohnehin genug Material.
00:38:51: also wenn man mal in ein paar Archiven war hat man eher das Problem dass man zu viele Quellen hat und nicht so wenige.
00:38:56: Insofern bin ich mit dem was ich hatte dann gut zurechtgekommen.
00:39:01: Ja damit wären wir auch schon fast am Ende unserer heutigen Folge.
00:39:04: Vielen Dank für diesen Einblick.
00:39:06: Das achtzehnte Jahrhundert in diesem Gebiet, die polsische Teilung sind ja wirklich in Deutschland.
00:39:11: Ich möchte sagen sehr in Vergessenheit geraten auch spannend zu sehen was für ein Wandel stattfand also sowohl in Bedeutung von Sprache als auch von Schulpolitik und wie das dann tatsächlich auch eingesetzt wurde um diese Herausforderungen der Integration irgendwie zu bewältigen und dass eben auch Preußen und des Habsburger Reich da sehr unterschiedlich ran ging und sich das später wandelte wenn man sich jetzt noch ein bisschen weiter mit der Thematik beschäftigen möchte und die Zeit bis zum Erschein deiner Dissertation überbrücken muss.
00:39:40: Hast du noch ein paar Literatur-Tipps für uns oder auch interessante Angebote?
00:39:43: Vielleicht sollte man irgendwo hinreisen...
00:39:46: Das ist natürlich eine interessante Frage, es gibt abgesehen von meiner Arbeit relativ wenig neuere Forschungen zu dieser Thematika aber in Paar Sachen dann doch also.
00:39:56: mein Kollege Johannes Juckall hat etwa vor ein paar Jahren eine Monographie veröffentlicht.
00:40:02: Da geht es um die jüdische Bevölkerung Galizians und der Bukovina.
00:40:06: Und diese Einführung von deutschen Namen, deutschen Vor- und Familiennamen ein sehr spannendes Buch das ich nur empfehlen kann für jeden der sich mit dieser Zeit und den Veränderungen beschäftigt oder für diese Veränderung interessiert ist im Bereich der jüdischen Community sozusagen abgespielt haben im Zusammenhang mit der österreichischen Herrschaft.
00:40:26: Mit Blick auf das Preußische Teilungsgebiet hat jetzt eigentlich weder was mit Sprachen noch mit Schulpolitik zu tun kann ich eine Monographie von Anna Joisten empfehlen, die sich mit dem preußischen Beamten und Spätaufklärer Hans von Held beschäftigt.
00:40:40: Der damals in Prosendienst getan hat also das heutige Pausen an.
00:40:44: auch ein Buch dass sehr spannende Einblicke bietet in die Lebenswelt der preußische Beamte und wie viel ja auch politisch mediale Innovativität vorhanden gewesen ist was man heute gar nicht mehr so am Schirm hat.
00:40:59: Und ganz allgemein kann ich natürlich empfehlen, falls man sich für Polen oder polnische Geschichte in dieser Zeit interessiert.
00:41:07: Das Handbuch-Polen in der europäischen Geschichte ist ein vierbändiges Handbuch, insbesondere der dritte Teil beschäftigt sich dann eben mit dieser Teilungszeit, in dem siebzehn zweiundsiebzig bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert und hier findet man auch modern aufbereitet sehr viele Fachbeiträge zu unterschiedlichen polnbezogenen Themen oder eigentlich allen zentralen Fragen.
00:41:28: Ja vielen Dank, danke dass du hier warst und den weiten Weg aus Wien auf dich genommen hast.
00:41:33: Vielen Dank für die Einladung.
00:41:34: nochmal und einen schönen Tag noch!
00:41:36: Wenn Sie sonst mehr über die Arbeit der Historischen Kommission erfahren wollen schauen sie gerne auf unserer Website www.hico-berlin.de oder auf unserem YouTube Kanal vorbei.
00:41:45: Ansonsten bedanke ich mich für Ihr Interesse und sage tschüss und bis zur nächsten Ausgabe von HIKOPOD.
00:41:50: bleiben Sie uns verbunden
00:41:51: und
00:41:52: hören Sie wieder rein.